Was ist mit Nacherzählen genau gemeint?

 

Kurz gesagt bedeutet es: etwas in deinen eigenen Worten zu erzählen.

Kinder machen das ganz natürlich. Sie erzählen nach einem Ausflug, nach der Sonntagsschule, erzählen Papa am Abend, was ihnen im Bilderbuch gut gefallen hat usw. Auch wir Erwachsene brauchen diese Methode oft ganz automatisch. Wenn wir sie aber gezielt zum Lernen einsetzen wollen, müssen wir unsere Kinder lehren, das Nacherzählen bewusst zu nutzen, um sich selber zu bilden.

“All education is self-education.” (Zitat von CM)

 

Wie viel Mal soll mein Kind nacherzählen?

 

Die Frage ist oft, ob wir eine Nacherzählung nach einem Abschnitt, nach einem Kapitel oder nach einem ganzen Buch verlangen sollen. Die Antwort hängt vorwiegend davon ab, wie viel Erfahrung ein Schüler/eine Schülerin schon hat mit dem Nacherzählen. Mit Anfängern müssen wir unbedingt einfach anfangen und nach einem einzigen Abschnitt um eine Nacherzählung bitten. Die Länge des vorgelesenen Textes kann dann kontinuerlich erhöht werden, das heißt also in einem weiteren Schritt: 2-3 Abschnitte vorlesen und sehen, ob das Kind es gut nacherzählen kann usw. Mit der Zeit ist es eventuell möglich, ein ganzes Kapitel aufs Mal zu lesen, aber es ist besser, langsamer vorwärts zu gehen und darauf zu achten, dass die Kinder das Gelesene wirklich in ihren Köpfen gespeichert haben als viel zu lesen und die Nacherzählungen nur flüchtig zu machen!

 

Was soll ich tun, wenn mein Kind nichts zu erzählen weiß nach dem Vorlesen?

 

Hier gilt es, den Grund herauszufinden, warum das Kind nicht nacherzählen kann. Ist das Buch ungeeignet? Es muss ein Buch sein, das man leicht nacherzählen kann. Eventuell lohnt es sich, selber ein Kapitel zu lesen und nachzuerzählen, um zu sehen, wie es ist. Wenn das Buch nicht passend ist, bitte unbedingt ein anderes wählen. Es gibt heutzutage so viele tolle "lebendige" Bücher!

Vielleicht war das Kind zu wenig aufmerksam, dann ist es wichtig, einen kürzeren Abschnitt vorzulesen und mit dem Lesen zu stoppen, bevor die Aufmerksamkeit des Schülers weg ist.

Nacherzähl-Anfänger wissen manchmal nicht, was von ihnen genau erwartet wird. Dann kann es hilfreich sein, selber ein paar Beispiele für eine Nacherzählung zu geben. Wenn ich mit meiner Nacherzählung fertig bin, lade ich mein Kind ein, noch etwas zu ergänzen oder zu klären, wenn es möchte. Somit merkt es schon von Anfang an, dass eine Nacherzählung nicht perfekt sein muss, denn die Angst, es nicht perfekt zu machen, könnte auch ein Grund sein, warum die Kinder zögern.

 

Wie sieht eine ganze Lerneinheit mit Vorlesen und nacherzählen aus?

 

Wir nehmen uns einen kurzen Moment Zeit, um uns zu erinnern, was letztes Mal geschah. Wir machen nicht nochmals eine ausführliche Nacherzählung, aber wir möchten, dass jeder Zuhörer wieder in der Geschichte angekommen ist.

Dann probiere ich den Appetit des Kindes für den heutigen Abschnitt zu wecken. Dazu kann ich ein Bild zeigen oder eine kleine Einleitung machen, die das Interesse weckt.

Dann folgt das Vorlesen. Ich lese ausdrucksvoll vor, aber ich lese den Abschnitt nur einmal! Ich erwarte volle Aufmerksamkeit!

Es folgt die Nacherzählung.

Zum Schluss hebe ich einen Punkt hervor, der sich für eine kleine Diskussion eignet und spreche mit dem Kind darüber. (ab ca. 3. Klasse)

Hier ist eine erfolgreiche Nacherzähllektion in fünf Schritten noch ausführlicher erklärt.

 

Wie ermutige ich ein jüngeres Kind, das jedes Mal zur Antwort gibt: “Ich weiß nichts”?

 

Wenn ich unseren 6-Jährigen nach dem Vorlesen eines Abschnittes bitte, mir zu erzählen, was er noch weiß, ist sein erster Satz immer: “Ich weiß nichts mehr”. Ich pflege dann zu sagen: “Lass mich dir einen kleinen Stoß geben”, und lese beispielsweise den ersten Satz nochmals vor. Das reicht in der Regel schon, um ihn in Fahrt zu bringen. Es ist ganz normal, dass die Kinder Mühe haben, mit ihrer Nacherzählung zu starten. Hier braucht es viel Feingefühl, Verständnis und Geduld.

Was man aber nicht machen darf, ist, direkte Fragen zum Abschnitt zu stellen. Dies ist in einer Erziehung und Bildung nach Charlotte Mason ein absoluter No-go!

“Direkte Fragen über das Thema, worüber ein Kind gelesen hat, sind immer ein Fehler!” (Zitat von CM)

Es ist gar nicht so einfach, auf die direkten Fragen zu verzichten, denn wir sind damit groß geworden. Hier muss ich mir immer wieder auf die Zunge beißen und mich darin üben, offene Fragen zu stellen. Z.B.: “Hanno und Tim kamen bei der Großmutter an. Was ist nachher alles passiert?”

  

Wie motiviere ich mein Kind, wenn es einfach keine Lust zum Nacherzählen hat?

 

Dies kann schon mal vorkommen, denn das Nacherzählen ist anstrengend und bedingt intensive mentale Arbeit. Gerade bei größeren Kindern ist es wichtig, ihnen zu erklären, warum sie nacherzählen sollen und wie viel das für ihren Lernprozess hilft. Auch gilt es ihnen zu erklären, dass es immer mal wieder Dinge zu tun gibt, für die man gerade keine Lust hat. Mama hat auch nicht immer Lust zu kochen, zu putzen oder zu waschen und macht es trotzdem.

 

Wie korrigiere ich mein Kind, wenn es in seiner Nacherzählung inhaltliche Fehler macht?

 

Eine wichtige Regel ist folgende: Ich unterbreche das Kind nicht während seiner Nacherzählung! Deswegen werden die Korrekturen NIE während des Nacherzählens gemacht.

Wenn das Kind fertig ist und ich einen Punkt korrigieren muss oder einen Punkt erwähnen möchte, den das Kind vergessen hat, habe ich folgende Möglichkeiten:

Ich kann eine Ergänzung zu seiner Nacherzählung geben und den kritischen Punkt darin einflechten.

Ich kann eine offene Frage stellen zum Text.

Ich kann den Punkt in der Diskussionsfrage einschließen. 

 

Wie gestalte ich den letzten Punkt der Lerneinheit: die Diskussion?

 

Nach der Nacherzählung ist es wichtig, noch über moralische oder fachliche Aspekte zu sprechen, die im Text vorgekommen sind. Besonders ältere Kinder (ab 3. Klasse) sollen sich noch etwas mehr Gedanken zum Gelesenen machen! Sehr geeignet sind beispielsweise Fragen zu den Charakterzügen der Personen im Buch. Wir können die SchülerInnen einladen, uns mitzuteilen, was sie beobachtet haben, was sie gut oder schlecht fanden und wir können ihnen auch unsere Gedanken mitteilen.

Wichtig ist aber, dass das Buch die Quelle des Wissens bleibt. Diese kleine Diskussionsrunde soll nicht eine Lektion aus unserem Munde sein. Unsere Aufgabe ist es bloß, den einen oder anderen Punkt heraus zu streichen.

Auch hier gilt wieder: keine direkten Fragen zum Text. Direkte Fragen ermüden die Kinder. Fragen nach der Meinung der Kinder hingegen, mögen sie in der Regel. Direkte Fragen sind meist in einem oder zwei Worten oder in einem kurzen Satz zu beantworten. Solche Fragen sind in einer CM-Erziehung und Bildung verboten!

 

Gibt es auch andere Formen des Nacherzählens?

 

Natürlich sagen wir zu unseren SchülerInnen nicht immer: “Bitte erzähle mir jetzt in deinen eigenen Worten, was du noch weißt.” Es gibt unzählige andere Möglichkeiten, zum Beispiel:

 

- ein Bild einer Szene malen

- eine Szene nachspielen

- die Szene mit Duplos, Playmobil oder anderen Spielsachen nachstellen

  (für ältere Kids): erkläre, wie du diesen Abschnitt/dieses Kapitel verfilmen würdest!

- ein Interview machen mit der Hauptperson

- fünf Fragen zum gelesenen Abschnitt stellen

- einen Brief an einen der Charaktere schreiben

- eine Rezension über das Buch auf Amazon schreiben

- Tagebucheintrag schreiben anstelle einer Person, die im Buch vorkommt

 

mehr Ideen sind hier zu finden (englisch) !          (oder hier auf deutsch)

 

 

Wie viele Nacherzählungen sollte mein Kind machen?

 

Wenn wir hier Zahlen nennen, so sollen das wirklich nur Anhaltspunkte sein. Es geht uns darum, das Kind ganzheitlich zu unterrichten und da die Kinder so unterschiedlich sind, erwarte ich auch nicht von allen das gleiche. Aber als Leitlinie können folgende Hinweise vielleicht hilfreich sein:

 

1. Klasse: eine Nacherzählung pro Schultag

2. Klasse: 1-2 Nacherzählungen pro Tag

3. Klasse: zwei Nacherzählungen pro Tag

4. Klasse: zwei bis drei Nacherzählungen pro Tag, davon eine pro Woche schriftlich

5. Klasse: zwei bis drei Nacherzählungen pro Tag, davon zwei bis drei pro Woche schriftlich

6. Klasse: zwei bis drei Nacherzählungen pro Tag, davon drei bis vier pro Woche schriftlich

7.-9. Klasse: drei Nacherzählungen pro Tag, davon täglich eine schriftlich

10.-12. Klasse: drei Nacherzählungen pro Tag, davon täglich eine bis zwei schriftlich

  

Wie funktioniert das Nacherzählen mit mehreren Kindern?

 

Charlotte Mason hat das Nacherzählen mit mehreren Kindern gemacht und Lehrer trainiert, diese Methode in vollen Klassenzimmern mit 20 und mehr Schülern anzuwenden. Also keine Angst: es funktioniert auch mit mehreren Kindern!

Hier sind einige Tipps, wie man es machen kann:

 

Das jüngste Kind beginnt, nachher muss jedes Kind der Reihe nach etwas ergänzen, das noch nicht gesagt wurde. Wenn vom Inhalt her alles gesagt ist, bis die älteren an die Reihe kommen, so kann man ihnen schwierigere Fragen stellen (ab 10 J.). Sie können z.B. erklären, wie ein bestimmter Gegenstand funktioniert, der in der Geschichte beschrieben wurde, können einen Vergleich machen von etwas, das im Text vorkam zu etwas anderem in einem anderen Buch oder können ihre Meinung zu den Charakterzügen einer Person in der Geschichte formulieren etc.

 

Man kann ein Kind auswählen, das eine volle Nacherzählung gibt, danach können die anderen etwas korrigieren oder ergänzen. Da die Kinder nicht wissen, wer an die Reihe kommt, sind trotzdem alle aufmerksam.

Wähle ein Kind aus, das beginnen soll. Nach einer Weile stoppst du es und das Kind darf ein anderes auswählen, das dort weitermacht, wo es aufgehört hat usw. Man kann hier sehr gut einen Gegenstand einsetzen, z.B. einen Ball, eine Blume, ein Mikrofon, ein Kirschsteinsäckli, das man immer an das Kind weitergibt, das nacherzählen soll.

 

Trainiere die Kinder, die nicht erzählen, den Geschwistern aufmerksam zuzuhören! Das braucht Übung!

Wenn die Kinder älter werden, machen sie immer mehr Nacherzählungen schriftlich. Also kann man die Geschichte allen Kindern vorlesen, danach die Großen wegschicken, um die Nacherzählung aufzuschreiben, während wir den Jüngeren bei ihrer Nacherzählung zuhören.

 

Wie können ältere SchülerInnen selbständig arbeiten, wenn sie immer nacherzählen müssen?

 

Je älter die Kinder werden, umso mehr Bücher lesen sie selbständig. Wir wollen die Kinder ermutigen, die Methode des Nacherzählens für ihre Selbst-Bildung nutzen zu lernen. Sie können ihre Nacherzählungen zum Beispiel schriftlich machen oder mündlich, wenn ich Zeit habe. Damit sie aber nicht immer auf mich warten müssen, können sie die mündlichen Nacherzählungen aufnehmen (smartphone, iPod oder anderes) sobald sie dafür bereit sind und ich kann sie mir anhören, wenn ich mit dem Unterrichten der jüngeren Kinder fertig bin. Anschließend gebe ich den Großen ein Feedback und stelle die Diskussionsfragen (letzter Punkt der Nacherzähl-Lektion).

 

Yasmine L.

Gedanken aus eigener Erfahrung und von Simply Charlotte Mason